Heute früh war ich wieder an meiner üblichen Stelle am Ufer, und der Fluss steht deutlich niedriger als noch im Frühjahr. Dort, wo im Mai das Wasser fast bis an den Weg reichte, liegen jetzt breite Kiesbänke frei. Um diese Jahreszeit ist das nichts Ungewöhnliches. Trotzdem bleibe ich jedes Mal kurz stehen und schaue genauer hin, weil sich an einem niedrigen Wasserstand einiges ablesen lässt.
Auf manche wirkt so ein Anblick beunruhigend, so als würde der Fluss langsam verschwinden. In den allermeisten Fällen ist es das nicht. Niedrigwasser gehört zum normalen Jahreslauf eines Flusses, gerade im Hochsommer und im frühen Herbst.
Inhaltsverzeichnis
Warum der Pegel jetzt sinkt
Ein niedriger Wasserstand hat meist mehrere Ursachen, die zusammenkommen. In den Sommerwochen fällt oft über längere Zeit wenig Regen. Bei Hitze verdunstet gleichzeitig mehr Wasser, aus dem Fluss selbst und aus den Böden im Umland, die dann weniger nachliefern. Dazu kommt ein Faktor, der gerade hier bei Ulm eine Rolle spielt.
Ein großer Teil des Wassers, das hier in der Donau fließt, stammt aus der Iller und damit aus den Alpen. Im Frühsommer speist die Schneeschmelze die Gebirgsflüsse und sorgt für höhere Wasserstände. Ist der Schnee in den Bergen einmal geschmolzen, fehlt dieser Nachschub, und der Fluss ist stärker auf Regen angewiesen. Bleibt der über Wochen aus, sinkt der Pegel, so wie jetzt.
Dass ich in diesem Jahr hier stehe und die Kiesbänke sehe, heißt für sich genommen wenig. Sommerliches Niedrigwasser gab es immer. Ob solche Phasen früher einsetzen oder länger dauern als vor Jahrzehnten, lässt sich seriös nur über lange Messreihen sagen und nicht am Eindruck eines einzelnen Sommers. Genau deshalb notiere ich mir den Stand, statt vorschnell Schlüsse zu ziehen.
Was das wenige Wasser mit der Wärme macht
Weniger Wasser bedeutet vor allem eines. Der Fluss erwärmt sich schneller. Eine flache, langsam fließende Wassermenge heizt sich in der Sonne stärker auf als eine tiefe. Und warmes Wasser hat eine Eigenschaft, die für das Leben im Fluss wichtig ist. Es kann weniger Sauerstoff aufnehmen als kaltes.
Sauerstoff gelangt vor allem über die Bewegung des Wassers hinein, dort, wo es über Steine und Kiesbänke strömt und sich mit Luft verwirbelt. Bei Niedrigwasser fließt der Fluss langsamer, es entstehen weniger Verwirbelungen, und so wird weniger Sauerstoff nachgeliefert. Wärmeres Wasser und geringere Sauerstoffaufnahme zusammen können den Lebewesen im Gewässer zusetzen.
Hinzu kommt die Verdünnung. Alles, was in einen Fluss gelangt, etwa aus der Landwirtschaft oder aus Kläranlagen, wird bei hohem Wasserstand stark verdünnt. Steht weniger Wasser zur Verfügung, fällt dieselbe Menge stärker ins Gewicht. Auch das gehört zu den Gründen, warum ich mir gerade im Spätsommer notiere, wie der Fluss aussieht.
Was der niedrige Stand heute sichtbar macht
Ein niedriger Wasserstand hat auch etwas Aufschlussreiches. Er legt die Struktur des Flusses frei. Bei hohem Wasser sieht man vor allem eine geschlossene Oberfläche. Steht der Pegel niedrig wie jetzt, zeigt sich, wie das Flussbett wirklich geformt ist. Man erkennt, wo sich Kies ablagert und wo die Strömung ihn wegträgt, wo tiefere Rinnen verlaufen und wo flache Bänke liegen.
Was mir heute an der Stelle aufgefallen ist:
- breite Kiesbänke, die im Frühjahr noch vollständig unter Wasser lagen
- eine ruhige Oberfläche mit wenig sichtbarer Strömung
- mehr Algen in den warmen, langsam fließenden Randbereichen
- einzelne Fische, die sich an den tieferen Stellen sammeln
Wer eine Stelle über die Jahre beobachtet, sieht an diesen Kiesbänken gut, wie beweglich ein Fluss ist. Sie liegen selten zweimal genau gleich. Auch das notiere ich mir, denn im Vergleich über mehrere Jahre erzählt so eine Bank mehr als ein einzelnes Foto.
Was das für die Lebewesen bedeutet
Fische und andere Wasserlebewesen reagieren auf solche Bedingungen. Viele Fischarten ziehen sich bei Wärme in tiefere Bereiche zurück, wo das Wasser kühler bleibt, etwa in Kolke, also ausgespülte tiefere Stellen im Flussbett. Manche Arten kommen mit Wärme und wenig Sauerstoff gut zurecht, andere schlechter. Besonders empfindlich sind Arten, die kühles, sauerstoffreiches Wasser brauchen.
Aufschlussreich sind auch die kleinen Lebewesen am Grund, die vielen gar nicht auffallen. In den Kiesbänken und unter Steinen leben Insektenlarven, Muscheln und andere winzige Tiere. Fachleute nennen sie Gewässerorganismen und nutzen sie als Anzeiger für den Zustand eines Flusses. Welche Arten vorkommen, verrät oft mehr über die Wasserqualität als eine einzelne Messung. Wo empfindliche Arten dauerhaft leben, ist das ein gutes Zeichen.
Einen Punkt habe ich in vierzig Jahren immer wieder bestätigt gefunden. Ein Fluss und seine Bewohner sind an Schwankungen gewöhnt. Ein einzelner trockener Sommer ist für ein gesundes Gewässer in der Regel kein Grund zur Sorge. Schwierig wird es erst, wenn belastende Bedingungen sich häufen oder mit anderen Problemen zusammentreffen, etwa mit einem ohnehin verbauten Ufer oder mit fehlenden kühlen Rückzugsräumen. Ein Fluss, der unterschiedlich tiefe Stellen, beschattete Ufer und Kiesbänke hat, kommt mit einem heißen Sommer besser zurecht als ein begradigter Kanal.
Was ich mir für die nächste Notiz vornehme
Für heute bleibt es bei dieser Momentaufnahme. Ich habe mir den Stand an meiner Stelle gemerkt, ungefähr an einem bestimmten Stein, den ich seit Jahren als Anhaltspunkt nehme. In ein paar Wochen, nach dem ersten längeren Herbstregen, werde ich wieder hier sein und schauen, wie viel sich verändert hat. Wahrscheinlich steht der Fluss dann schon deutlich höher.
Genau darum geht es mir mit diesen Notizen. Ein einzelner Wasserstand sagt wenig. Erst die Reihe über die Zeit ergibt ein Bild, im Frühjahr, im Hochsommer, nach langen Regenphasen. Wenn Sie mögen, machen Sie es wie ich. Suchen Sie sich eine Stelle am Wasser, die Sie ohnehin oft sehen, und merken Sie sich, wie hoch der Fluss dort heute steht. Beim nächsten Mal werden Sie überrascht sein, wie viel so ein Vergleich erzählt.




