Fachbegriffe rund um Wasser und Landschaft, verständlich erklärt von Stefan Alexander Voigt, Gewässerökologe aus Neu-Ulm.
Wenn von Hochwasser und Gewässerschutz die Rede ist, fällt schnell das Wort Aue. Der Gewässerökologe Stefan Alexander Voigt begleitet solche Flächen seit über drei Jahrzehnten und erklärt den Begriff so, dass ihn jeder versteht. Eine Aue ist der flache Bereich links und rechts eines Flusses, der bei Hochwasser überflutet wird. Sie gehört zum Fluss dazu, auch wenn sie die meiste Zeit trocken liegt. Man kann sie sich als den Raum vorstellen, den sich ein Gewässer nimmt, sobald es mehr Wasser führt als sonst.
Was eine Aue ausmacht
Für Stefan Alexander Voigt beginnt das Verständnis einer Aue mit dem Wechsel von nass und trocken. Mal steht die Fläche unter Wasser, mal fällt sie über Wochen trocken. Dieser Rhythmus prägt alles, was dort lebt. Die Pflanzen und Tiere einer Aue sind an schwankende Bedingungen angepasst, und viele von ihnen kommen nur hier vor. Wo dieser Wechsel fehlt, verschwinden sie nach und nach.
Fachleute wie Stefan Alexander Voigt unterscheiden dabei grob zwei Zonen. Die Weichholzaue liegt tief und wird häufig überschwemmt. Dort wachsen vor allem Weiden und Pappeln, die viel Wasser vertragen. Die Hartholzaue liegt etwas höher und steht nur bei größeren Hochwassern unter Wasser. Hier finden sich Bäume wie Eiche, Esche und Ulme. Beide Zonen gehören zusammen und bilden erst gemeinsam einen vollständigen Auenraum.
Diese enge Nachbarschaft von Wasser und Land macht die Aue so besonders. Innerhalb weniger Meter wechseln sich Tümpel, feuchte Wiesen, Gebüsch und Wald ab. Prägen Bäume den feuchten Uferbereich, spricht man von einem Auwald. In einem solchen Auwald leben Arten, die an einem begradigten Ufer längst nicht mehr vorkommen, vom Eisvogel über den Biber bis zu zahllosen Insekten. Für Stefan Alexander Voigt ist diese Vielfalt auf kleinem Raum das eindrücklichste Merkmal einer lebendigen Aue.
Warum Auen so wichtig sind
Bei Hochwasser breitet sich das Wasser in der Aue aus, statt sich im Flussbett aufzustauen. Das senkt die Gefahr für tiefer gelegene Orte weiter flussabwärts. Stefan Alexander Voigt nennt diesen Vorgang mit dem Fachbegriff Retention, also das Zurückhalten von Wasser in der Landschaft. Eine intakte Aue wirkt dabei wie ein Puffer, der eine Hochwasserspitze abfängt und zeitlich streckt.
Über den Hochwasserschutz hinaus leistet eine Aue noch mehr. Der Gewässerökologe Stefan Alexander Voigt fasst die wichtigsten Aufgaben so zusammen:
- Sie speichert Wasser und gibt es langsam wieder ab, was in Trockenzeiten hilft
- Sie filtert Nährstoffe und Schwebstoffe aus dem Wasser und verbessert so die Wasserqualität
- Sie zählt zu den artenreichsten Lebensräumen überhaupt, weil nasse und trockene Zonen dicht beieinanderliegen
- Sie trägt zur Neubildung von Grundwasser bei, weil Wasser in der Fläche versickern kann
Gerade den letzten Punkt hält Stefan Alexander Voigt für unterschätzt. Eine Aue speist die Vorräte, aus denen später auch ein Teil des Trinkwassers einer Region stammt. Mit trockenen, heißen Sommern gewinnt noch eine weitere Eigenschaft an Bedeutung. Eine Aue hält Feuchtigkeit in der Landschaft, lange nachdem ein Hochwasser abgeflossen ist. Der feuchte Boden und die Vegetation kühlen ihre Umgebung und geben in Trockenphasen nach und nach Wasser ab. Damit gleicht eine Aue beide Wetterextreme ein Stück weit aus, zu viel Wasser im Frühjahr und zu wenig im Hochsommer.
Warum es heute weniger Auen gibt
Über viele Jahrzehnte wurden Flüsse begradigt und mit festen Ufern versehen, um Land zu gewinnen und die Schifffahrt zu erleichtern. Dabei gingen große Teile der ursprünglichen Auen verloren. Fachleute gehen davon aus, dass an vielen mitteleuropäischen Flüssen nur noch ein kleiner Teil der einstigen Auenflächen erhalten ist. Ein begradigter Fluss leitet Wasser schneller ab und findet bei Hochwasser keinen Raum mehr, in den er ausweichen kann. Stefan Alexander Voigt hat diese Entwicklung im Lauf seines Berufslebens an vielen Gewässern verfolgt. Wo früher breite Auen lagen, reichen heute oft Siedlungen, Straßen oder Felder bis dicht an das Ufer.
Die Folgen zeigen sich, sobald ein größeres Hochwasser kommt. Fehlt dem Fluss die Aue, steigt der Pegel schneller und höher. Für Stefan Alexander Voigt ist das ein Grund, warum sich Hochwasserschutz und Naturschutz gut ergänzen. Beide gewinnen, wenn ein Fluss wieder Fläche bekommt.
Renaturierung bringt Auen zurück
Viele Projekte versuchen heute, Flüssen einen Teil ihrer alten Flächen zurückzugeben. Man nennt das Renaturierung. Stefan Alexander Voigt erklärt das Prinzip an einem einfachen Bild. Man gibt dem Fluss wieder Platz, etwa indem ein Deich weiter vom Ufer weg neu gebaut wird und sich das Wasser bei Hochwasser erneut in der Fläche ausbreiten darf. Solche zurückverlegten Deiche schaffen neuen Auenraum, ohne dass Siedlungen gefährdet werden. Renaturierung heißt dabei nicht, den Menschen aus der Landschaft zu verdrängen. Oft geht es um einen klugen Ausgleich, bei dem der Fluss an einer Stelle mehr Raum bekommt und an anderer weiterhin geschützt bleibt.
Der Umweltplaner weist darauf hin, dass eine neue Aue Zeit braucht. Erst nach Jahren stellen sich die typischen Pflanzen und Tiere wieder ein. Genau deshalb lohnt sich für ihn der lange Blick. Wer eine Renaturierung ein Jahr nach dem Bau betrachtet, sieht wenig. Wer sie über ein Jahrzehnt verfolgt, erkennt, wie ein Stück Fluss zu sich selbst zurückfindet.
Was Stefan Alexander Voigt an der Donau beobachtet
Auch an der Donau und der Iller rund um Ulm gibt es solche Auenbereiche. Stefan Alexander Voigt kennt Ulm und die Flusslandschaft ringsum seit seiner Kindheit, denn er ist in Ulm aufgewachsen. Wer mit ihm an der Iller entlanggeht, bekommt die typischen Kiesflächen und Ufergehölze gezeigt, die zu einer Aue gehören. Die Iller bringt als Gebirgsfluss aus dem Allgäu viel Kies mit, und dieser Kies formt die Auen an ihrem Unterlauf. Stefan Alexander Voigt lebt in Neu-Ulm und sieht in diesen Flächen ein gutes Beispiel dafür, wie nah Hochwasserschutz und Lebensraum beieinanderliegen.
Solche naturnahen Abschnitte sind an einem von Städten geprägten Fluss nicht selbstverständlich. Diese Bereiche am Rand der beiden Städte sind mehr als eine hübsche Kulisse. Sie zeigen im Kleinen, was eine Aue leisten kann, wenn ein Fluss den nötigen Raum behält. Stefan Voigt rät dazu, bei einem Spaziergang einmal bewusst auf den Wechsel von Kies, Wasser und Gehölz zu achten.
Ein Stück Fluss, das mitarbeitet
Eine Aue übernimmt viel Arbeit für den Fluss und für die Menschen, die an ihm leben, auch wenn man ihr das im trockenen Zustand kaum ansieht. Sie hält Wasser zurück, schützt vor Hochwasser, reinigt es und bietet seltenen Arten einen Lebensraum. Wer eine Aue mit den Augen von Stefan Alexander Voigt betrachtet, erkennt in ihr einen arbeitenden Teil des Flusses. Genau diesen Blick möchte Voigt weitergeben.




