Heute Vormittag war ich an der Illerspitze, dort, wo die Iller in die Donau mündet. Es ist einer der Orte, an die ich immer wieder zurückkehre, weil man hier in wenigen Metern sehen kann, wie unterschiedlich zwei Gewässer sind, die von hier an denselben Namen tragen. Um diese Jahreszeit lohnt sich der Weg besonders. Die Iller führt gerade viel Wasser, und der Übergang ist mit bloßem Auge gut zu erkennen.
Das Wasser der Iller wirkt heute grünlich und trüb, das der Donau ruhiger und eine Spur klarer. Eine ganze Weile fließen beide nebeneinander her, bevor sie sich mischen. Für die meisten Spaziergänger ist das ein hübsches Bild. Mich beschäftigt an dieser Stelle jedes Mal noch etwas anderes, das die ganze Region geprägt hat.
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Der Nebenfluss, der mehr Wasser mitbringt
An dieser Mündung gibt es eine Sache, die viele überrascht, wenn sie zum ersten Mal davon hören. Die Iller führt an ihrer Mündung im Schnitt mehr Wasser als die Donau, in die sie hineinfließt. Nach der reinen Wassermenge betrachtet könnte man die Donau hier also als Nebenfluss der Iller bezeichnen und nicht umgekehrt. Dass es trotzdem andersherum heißt, hat mit der Geschichte und der Bedeutung der Donau zu tun, weniger mit ein paar Kubikmetern in der Sekunde.
Heute sieht man diesen Vorsprung der Iller gut. Sie kommt aus dem Allgäu, aus den Bergen bei Oberstdorf, und ist ein Gebirgsfluss, gespeist von Regen und Schmelzwasser aus den Alpen. Im Frühsommer ist der Nachschub aus den Bergen noch groß, deshalb ist die Iller jetzt so kräftig. Das erklärt auch, warum ihr Wasser gerade trüber aussieht. Ein Gebirgsfluss trägt feine Gesteinspartikel mit sich, die er auf seinem Weg aus den Bergen aufnimmt. Man nennt das Schwebstoffe. Sie geben dem Wasser den grünlich-milchigen Ton, den man an der Illerspitze heute deutlich erkennt.
Was das für die Donau bedeutet, merkt man weiter flussabwärts. Sie führt von der Illermündung an spürbar mehr Wasser und verhält sich anders als auf dem Abschnitt weiter oben. Aus einem eher kleinen Fluss wird hier ein größerer.
Wo aus zwei Ländern ein Grenzfluss wird
An dieser Stelle beginnt noch etwas, das man dem Wasser nicht ansieht. Von der Illermündung an bildet die Donau für einige Kilometer die Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Sie trennt damit auch die beiden Städte, die sich gegenüberliegen. Ulm gehört zu Baden-Württemberg, Neu-Ulm zu Bayern. Der Fluss, der die beiden verbindet, ist zugleich ihre Grenze. Das ist eine der Eigenheiten, die diese Region ausmachen, und sie beginnt genau dort, wo die Iller dazukommt.
Warum an solchen Stellen besonders viel lebt
Eine Mündung ist aus ökologischer Sicht ein interessanter Ort. Dort treffen zwei Gewässer aufeinander, die sich in Temperatur, Fließgeschwindigkeit und Wasserbeschaffenheit unterscheiden. Solche Übergangsbereiche, in der Fachsprache Übergangszonen genannt, gehören häufig zu den artenreichsten Abschnitten eines Flusssystems. Der Grund ist einfach. Wo sich die Bedingungen auf engem Raum ändern, findet jede Art den Lebensraum, der zu ihr passt.
Dazu kommt die Struktur des Geländes. An der Illerspitze gibt es breite Kiesbänke, wie sie für Gebirgsflüsse typisch sind. Heute liegen einige davon frei, andere sind vom hohen Illerwasser überspült. Solche Kiesflächen wirken auf den ersten Blick unaufgeräumt. Für viele Tier- und Pflanzenarten sind sie ein wertvoller Lebensraum. Was eine naturnahe Mündung leisten kann, lässt sich kurz zusammenfassen:
- Kiesbänke bieten Laichplätze für Fische, die genau solche Flächen brauchen
- flache, wechselnde Ufer sind Lebensraum für Insekten, Vögel und kleine Wasserlebewesen
- unterschiedliche Strömungen schaffen ruhige und schnelle Bereiche dicht nebeneinander
- der ständige Wechsel von Wasserstand und Kies hält den Lebensraum in Bewegung
Vieles davon ist an der Illerspitze noch vorhanden, weil dieser Abschnitt vergleichsweise wenig verbaut ist. Das ist nicht selbstverständlich. An vielen Flüssen wurden solche Mündungsbereiche über die Jahrzehnte begradigt und in feste Ufer gefasst.
Wo die Donau schiffbar wird
An der Illermündung ändert sich auch etwas Praktisches. Erst durch den Zufluss der Iller und der Blau, eines kleinen Flusses, der in Ulm aus der Schwäbischen Alb dazukommt, wird die Donau überhaupt schiffbar. Weiter oben führt sie dafür zu wenig Wasser.
Genau das hat Ulm über Jahrhunderte geprägt. Schon seit dem Mittelalter fuhren von hier aus Waren und Menschen die Donau hinunter, zunächst auf Flößen, später auf einfachen Holzbooten. Bekannt geworden sind die Ulmer Schachteln, flache Zillen, die nur flussabwärts unterwegs waren. Am Ziel wurden viele von ihnen zerlegt und als Holz verkauft, weil sich der Weg zurück gegen die Strömung nicht lohnte. Die Route führte bis Wien, Budapest oder noch weiter. Am Neu-Ulmer Ufer erinnert bis heute ein Schild an diese Verbindung. Es zeigt die Entfernung bis zur Donaumündung ins Schwarze Meer an, rund 2.586 Kilometer.
Ich finde diesen Gedanken jedes Mal bemerkenswert, wenn ich hier stehe. Die Stelle, an der zwei Flüsse aus den Bergen und von der Alb zusammenkommen, war einmal der Anfang einer Wasserstraße quer durch Europa. Heute wirkt der Fluss ruhig und regional. Seine Geschichte reicht trotzdem weit über die Region hinaus.
Was ich mir für die nächste Notiz vornehme
Für heute bleibt es bei diesem Blick auf die Mündung im Frühsommer, wenn die Iller viel Wasser bringt und die zwei Farben so deutlich nebeneinander liegen. Im Hochsommer sieht es hier anders aus. Dann führt die Iller weniger Wasser, der Farbunterschied wird schwächer, und mehr Kies liegt frei. Ich werde wiederkommen und notieren, wie sich das Bild verschoben hat.
Wenn Sie ohnehin einmal in Neu-Ulm sind, gehen Sie ruhig selbst zur Illerspitze. Am eindrücklichsten ist es an einem Tag wie heute, an dem die beiden Flüsse unterschiedlich viel Wasser führen. Achten Sie darauf, wie lange es dauert, bis Iller und Donau wirklich miteinander verschmolzen sind. Es ist eine kleine Beobachtung, aber sie erzählt eine Menge darüber, wie ein Fluss überhaupt entsteht.




