Wer heute durch das Glacis in Neu-Ulm spaziert, ahnt kaum, dass dieser grüne Gürtel einmal ein Bollwerk war. Stefan Alexander Voigt ist in Ulm aufgewachsen und erzählt die Geschichte dieses Ortes gern, weil sich an ihr gut zeigt, wie sich eine Landschaft über lange Zeit wandelt. Das Glacis ist heute der größte Stadtpark Neu-Ulms. Vor gut anderthalb Jahrhunderten gehörte es zu einer der größten Festungsanlagen Europas. Diese Spanne von der Wehranlage bis zum Naherholungsgebiet erzählt viel darüber, wie sich der Umgang einer Stadt mit ihrem Rand über Generationen verändert.
Warum es hier eine Festung gab
Zwischen 1842 und 1859 wurde rund um Ulm und Neu-Ulm die Bundesfestung errichtet. Sie war eine von fünf Festungen des Deutschen Bundes und sollte mögliche Angriffe aus Frankreich abwehren. Stefan Alexander Voigt weist darauf hin, dass die Anlage zu ihrer Zeit die größte Festung in Deutschland war. Ihre Hauptumwallung zog sich über rund neun Kilometer und umschloss beide Städte über die Donau hinweg. Auf der Neu-Ulmer Seite wurde vieles in Backstein gebaut. Die Bundesfestung war eine von fünf Festungen des Deutschen Bundes, neben Landau, Luxemburg, Mainz und Rastatt. Entworfen wurde sie von Moritz Karl Ernst von Prittwitz. Zur gesamten Anlage gehörten mehrere Dutzend Einzelbauwerke, darunter rund fünfzehn vorgeschobene Außenforts und die mächtige Zitadelle Wilhelmsburg auf dem Michelsberg. So verdankt Neu-Ulm seine heutige Gestalt zu einem guten Teil einer Anlage, die für den Krieg gedacht war und diesen Zweck nie erfüllte.
Für Neu-Ulm bedeutete der Festungsbau einen enormen Schub. Die Stadt war zuvor klein, erst mit der Festung wuchs sie merklich. Bis zu zehntausend Arbeiter waren zeitweise am Bau beteiligt. Stefan Alexander Voigt findet es bemerkenswert, dass eine militärische Großbaustelle den Grundstein für die spätere Stadt legte.
Was das Wort Glacis bedeutet
Der Begriff Glacis stammt aus dem Französischen und gehört zur Fachsprache des Festungsbaus. Stefan Voigt erklärt ihn so: Ein Glacis ist eine flach ansteigende Erdanschüttung vor dem Festungsgraben. Sie war bewusst frei von Deckung, damit ein Angreifer auf dem offenen Hang keinen Schutz fand. Hinter dem Glacis lagen der Graben, die Wälle und die Mauern der Kasematten, also der gewölbten, geschützten Räume, in denen Soldaten und Geschütze untergebracht waren.
Genau dieser militärische Zweck erklärt die heutige Form des Parks. Die weiten, leicht ansteigenden Wiesen, die man im Glacis sieht, gehen auf das alte Schussfeld zurück. Für Stefan Alexander Voigt aus Neu-Ulm ist das ein schönes Beispiel dafür, wie eine Landschaft ihre Vergangenheit auch dann bewahrt, wenn sich ihre Nutzung völlig verändert hat. Der militärische Ursprung steckt bis heute in den Formen des Parks, in den Böschungen, den Gräben und den langen Sichtachsen.
Wie aus dem Wall ein Park wurde
Die Festung war militärisch schnell veraltet. Die Waffentechnik entwickelte sich weiter, und die Anlage kam nie in einem Krieg zum Einsatz. Damit stellte sich über die Jahrzehnte die Frage, was mit den ausgedehnten Flächen geschehen sollte. Stefan Alexander Voigt beschreibt den entscheidenden Schritt. Zur Landesgartenschau 1980 wurde der westliche Teil der ehemaligen Festung in einen Stadtpark umgebaut. Aus dem Verteidigungsraum wurde ein Ort der Erholung. Die Landesgartenschau war ein gemeinsames Projekt von Ulm und Neu-Ulm, das beide Ufer der Donau einbezog. Bemerkenswert ist für Stefan Alexander Voigt, dass sich der Verlauf der alten Festung bis heute an Straßen und Grünzügen ablesen lässt. Wer darauf achtet, erkennt den Ring auch dort, wo längst keine Mauer mehr steht.
Vieles aus der Festungszeit blieb dabei sichtbar. Stefan Alexander Voigt nennt einige Spuren, die heute noch zu finden sind:
- der Wasserturm, das Wahrzeichen Neu-Ulms, das Ende des 19. Jahrhunderts auf einem früheren Pulvermagazin entstand
- Mauern, Wälle und der nasse Graben, die den Verlauf der alten Umwallung nachzeichnen
- der Festungsweg, der seit 2009 auf rund zwölfeinhalb Kilometern durch Ulm und Neu-Ulm führt und an zahlreichen Stationen die Geschichte erklärt
Heute ist das Glacis das, was viele Neu-Ulmer ihr grünes Wohnzimmer nennen. Ein kleiner Bachlauf, das Forellenbächle, zieht sich hindurch, es gibt einen Biergarten, einen Rosengarten und Spielplätze, und im Sommer finden Konzerte und Lesungen im Freien statt. Aus einem Ort, der einst Abstand und Abwehr schaffen sollte, ist ein Treffpunkt geworden, an dem sich ein Teil des städtischen Lebens bündelt. Es ist einer der deutlichsten Rollenwechsel, den eine Fläche in dieser Region durchlaufen hat. Stefan Alexander Voigt hält diese Mischung für gelungen, weil sie Geschichte und Gegenwart nebeneinander bestehen lässt.
Was Stefan Alexander Voigt am Glacis beobachtet
Als Gewässerökologe schaut Stefan Alexander Voigt vor allem auf das Wasser im Park. Der nasse Graben und das Forellenbächle sind für ihn mehr als eine hübsche Kulisse. Sie zeigen, wie sich ein einst rein militärisches Wasserelement in einen kleinen Lebensraum verwandelt hat. Wo früher ein Graben die Festung schützen sollte, finden heute Pflanzen, Insekten und Fische einen Platz. Damit passt der Ort gut zu einer Frage, die in der Arbeit am Wasser stets mitschwingt. Wie lässt sich eine von Menschen geformte Fläche nutzen und ihr zugleich Raum für natürliche Abläufe geben? Das Glacis liefert darauf eine kleine, anschauliche Antwort.
Stefan Voigt achtet bei seinen Gängen durch das Glacis auch auf die alten Bäume, die auf und an den Wällen wachsen. Sie geben dem Park Schatten und kühlen ihn an heißen Tagen. Zugleich sieht Stefan Alexander Voigt die Kehrseite. Ihre Wurzeln setzen dem historischen Mauerwerk zu, sodass Pflege und Denkmalschutz hier immer wieder abgewogen werden müssen. Ein Baum, der Schatten spendet und Wasser verdunstet, tut der Stadt gut. Dieselbe Wurzel kann aber ein historisches Gewölbe sprengen. Solche Zielkonflikte gehören zum Alltag, wenn Natur und Denkmal denselben Raum teilen. Für Stefan Alexander Voigt ist dieses Abwägen typisch für den Umgang mit einer alten Kulturlandschaft.
Ein Ort, der seine Geschichte zeigt
Das Neu-Ulmer Glacis erzählt in einem einzigen Park mehrere Epochen. Es begann als Teil einer Festung, die nie kämpfen musste, und wurde zu einem grünen Raum, in dem sich Menschen erholen und in dem Wasser und Pflanzen ihren Platz haben. Wer es mit den Augen von Stefan Alexander Voigt betrachtet, sieht darin eine Landschaft, die ihre Vergangenheit offen zeigt und lesbar macht.




