Kurz vor Neu-Ulm mündet die Iller in die Donau. Dieser Punkt macht die Region für das Thema Hochwasser besonders interessant. Stefan Alexander Voigt kennt die Region aus vielen Jahren und erklärt gern, warum. Wenn zwei Flüsse dicht beieinander viel Wasser führen, kann sich das an der Mündung addieren. Genau das hat Ulm und Neu-Ulm in der Vergangenheit mehrfach getroffen. Wer die Region verstehen will, kommt an dieser Doppelrolle der beiden Flüsse nicht vorbei.
Warum die Lage besonders ist
Die Donau ist bei Ulm noch ein vergleichsweise junger Fluss. Die Iller kommt als Gebirgsfluss aus dem Allgäu und reagiert schnell auf starke Niederschläge und auf Schneeschmelze. Stefan Alexander Voigt kennt Ulm seit seiner Jugend und beschreibt den Unterschied so: Die Donau steigt eher gemächlich, die Iller kann innerhalb kurzer Zeit sehr viel Wasser heranführen. Treffen beide zusammen, entsteht an der Mündung eine angespannte Lage. Ein Detail, das viele überrascht, ist das Verhältnis der beiden Flüsse. Am Zusammenfluss führt die Iller im Mittel sogar etwas mehr Wasser als die noch junge Donau. Hydrologisch betrachtet könnte man die Donau an dieser Stelle beinahe als den kleineren Partner ansehen. Diese Kombination aus einem schnell reagierenden Gebirgsfluss und einer flachen Tallage prägt den Hochwasserschutz der Region bis heute.
Hinzu kommt die Lage der beiden Städte am Wasser. Große Teile von Neu-Ulm liegen nah am Fluss. Stefan Alexander Voigt lebt in Neu-Ulm und weist darauf hin, dass gerade die tiefer gelegenen westlichen Viertel früher bei großen Hochwassern gefährdet waren.
Das Pfingsthochwasser 1999
Das jüngste große Ereignis, an das sich viele erinnern, war das Pfingsthochwasser. Am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1999, traten Donau und Iller über die Ufer und überfluteten das westliche Stadtgebiet von Neu-Ulm. Stefan Alexander Voigt schildert die Lage nüchtern. In der Schützenstraße stand das Wasser hüfthoch, die Donauklinik und die Justizvollzugsanstalt mussten geräumt werden, und das damalige Freizeitbad Atlantis, das heutige Donaubad, versank in den Fluten. Große Teile der Neu-Ulmer Innenstadt standen unter Wasser. Für die Betroffenen bedeutete das tagelange Aufräumarbeiten und erhebliche Schäden. Vor allem machte das Ereignis deutlich, wie verletzlich die tief gelegenen Viertel bis dahin waren.
Wenige Jahre später, 2005, folgte an der Iller das nächste größere Hochwasser, das auch in Ulm die Donau anschwellen ließ. Die Ulmer Friedrichsau entging damals nur knapp einer Überflutung. Für Stefan Alexander Voigt zeigten diese Jahre deutlich, dass der bestehende Schutz nicht ausreichte. Zwei größere Hochwasser in wenigen Jahren waren ein deutliches Signal, dass die Region handeln musste.
Wie der Schutz heute aussieht
Nach 1999 wurde gehandelt. Stefan Voigt fasst zusammen, was seither entstanden ist. In Neu-Ulm baute man von 2005 bis 2008 eine durchgehende Hochwasserschutzlinie. Sie ist rund 3.300 Meter lang und besteht überwiegend aus Schutzmauern, ergänzt um kürzere Deichabschnitte. Die Mauern sind je nach Lage zwischen sechzig Zentimetern und gut zwei Metern hoch.
An dieser Stelle erklärt Stefan Alexander Voigt zwei Fachbegriffe, die in solchen Projekten immer wieder vorkommen:
- HQ100 steht für ein hundertjährliches Hochwasser, also einen Abfluss, der statistisch einmal in hundert Jahren erreicht oder überschritten wird. In Neu-Ulm entspricht das an der Donau einem Abfluss von 1.250 Kubikmetern pro Sekunde.
- Freibord bezeichnet eine zusätzliche Höhe als Sicherheitsreserve. In Neu-Ulm wurden Mauern und Deiche um einen weiteren Meter über das berechnete Niveau erhöht.
Ein Teil der Schutzlinie besteht aus Öffnungen, die im Alltag frei bleiben und erst im Ernstfall mit mobilen Elementen verschlossen werden. Rund fünfzig solcher Öffnungen müssen bei einem Hochwasser von Hand mit vorbereiteten Elementen geschlossen werden, was Übung und Organisation verlangt. Stefan Voigt hält diese Lösung für sinnvoll, weil sie die Stadt im Alltag nicht vom Fluss abschneidet. Auch auf der Ulmer Seite wurde nachgezogen. Der Hochwasserschutz in der Ulmer Friedrichsau wurde 2018 eingeweiht. Die gesamte Neu-Ulmer Maßnahme kostete rund sieben Millionen Euro und zog sich über gut zwei Jahre Bauzeit. Wichtig ist, dass ein solcher Schutz nur wirkt, wenn er im Ernstfall rechtzeitig aufgebaut wird. Deshalb gehören Warnsysteme, klare Zuständigkeiten und geübte Abläufe ebenso dazu wie die Mauern selbst.
Was ein Hochwasser mit dem Fluss macht
Ein Hochwasser ist für Stefan Alexander Voigt zunächst ein natürlicher Vorgang, der zum Fluss gehört, und erst danach eine Gefahr. Wenn die Donau über die Ufer tritt, überflutet sie Auen, lagert Sand und Kies ab und bringt Nährstoffe in die Fläche. Viele Pflanzen und Tiere am Wasser sind auf diesen Rhythmus angewiesen. Zum Problem wird das Wasser dort, wo Menschen und ihre Bauten in den Raum geraten, den der Fluss bei Hochwasser braucht. Zwischen dem Ereignis selbst und dem Schaden, den es anrichtet, unterscheidet er deshalb sorgfältig.
Was Stefan Alexander Voigt für ebenso wichtig hält
Mauern und mobile Elemente sind für Stefan Alexander Voigt nur ein Teil der Antwort. Als Gewässerökologe betont Stefan Alexander Voigt, dass technischer Schutz und natürlicher Rückhalt zusammengehören. Je mehr Wasser die Landschaft oberhalb der Städte zurückhält, desto niedriger fällt die Spitze aus, die an den Mauern in Ulm und Neu-Ulm ankommt.
Deshalb verweist Stefan Alexander Voigt immer wieder auf die Auen an Donau und Iller. Wo ein Fluss bei Hochwasser Fläche bekommt, wirkt das wie ein natürlicher Puffer. Solche Flächen kosten nichts an Technik und wirken bei jedem Hochwasser, ganz ohne Bedienung. Diesen Rückhalt in der Fläche nennt man Retention. Für Stefan Alexander Voigt ergibt erst das Zusammenspiel aus beidem einen verlässlichen Schutz, aus Mauern in der Stadt und Raum für den Fluss außerhalb.
Ein Fluss, den man kennen muss
Hochwasser gehört zu einem Fluss dazu, das war früher so und bleibt so. Verändert hat sich, wie gut Ulm und Neu-Ulm darauf vorbereitet sind. Aus den Erfahrungen von 1999 und 2005 sind Schutzanlagen entstanden, die einem hundertjährlichen Hochwasser standhalten sollen. Stefan Alexander Voigt rät trotzdem dazu, wachsam zu bleiben, weil kein Schutz eine absolute Sicherheit bietet. Wer einen Fluss über lange Zeit beobachtet, entwickelt ein Gefühl für seine ruhigen und seine hohen Phasen. Dieses Wissen ersetzt keine Mauer, hilft aber, Warnzeichen früh zu deuten und ruhig zu reagieren.




