Aus der Reihe „Einfach erklärt“ von Stefan Alexander Voigt, Umweltplaner und Gewässerökologe aus Neu-Ulm, aufgewachsen in Ulm.
Retention ist ein Wort, das im Hochwasserschutz ständig vorkommt. Stefan Alexander Voigt übersetzt es gern zuerst wörtlich. Es stammt vom lateinischen retinere, das so viel wie zurückhalten bedeutet. Bei Gewässern meint Retention genau das. Wasser wird in der Fläche zurückgehalten, statt sofort abzufließen. Für Stefan Alexander Voigt ist Retention einer der wichtigsten Begriffe überhaupt, wenn es um den Umgang mit Regen und Hochwasser geht.
Was Retention bedeutet
Ein Fluss steigt bei starkem Regen nicht überall gleich schnell. Das hängt davon ab, wie viel Wasser die Landschaft ringsum zurückhält, bevor es den Fluss erreicht. Stefan Alexander Voigt beschreibt das mit einem Bild aus dem Alltag. Ein lockerer, bewachsener Boden wirkt wie ein Schwamm, der Regen aufsaugt und langsam wieder abgibt. Eine versiegelte Fläche dagegen leitet fast das gesamte Wasser sofort weiter. Je mehr Retention eine Landschaft bietet, desto langsamer und gleichmäßiger gelangt Regen in die Gewässer.
Der Umweltplaner unterscheidet zwei große Formen. Die natürliche Retention geschieht in Böden, Wäldern, Feuchtgebieten und Auen. Die technische Retention wird vom Menschen gebaut, etwa in Form von Rückhaltebecken oder Poldern, also eingedeichten Flächen, die man bei Hochwasser gezielt fluten kann. Beide Formen verfolgen dasselbe Ziel. Sie nehmen dem Wasser die Eile. Wie viel Retention nötig ist, hängt vom Ort ab. In einer flachen, dicht bebauten Gegend fällt jeder zusätzliche Rückhalt stärker ins Gewicht als in einem waldreichen Tal, das ohnehin viel Wasser speichert.
Retention im Kleinen und im Großen
Retention lässt sich in ganz unterschiedlichen Größen denken. Im Kleinen sorgt schon ein begrünter Vorgarten dafür, dass Regen im Boden versickert, statt in den Gully zu laufen. Eine Stufe größer wirken Regenrückhaltebecken, wie man sie am Rand vieler Neubaugebiete sieht. Sie füllen sich bei starkem Regen und geben das Wasser über Stunden verzögert an den nächsten Bach ab. Im Großen schließlich übernehmen ganze Talräume und Auen diese Aufgabe.
Stefan Alexander Voigt hält es für wichtig, dass alle drei Ebenen zusammenwirken. Ein einzelnes Becken ersetzt keine Aue, und eine Aue allein löst nicht die Probleme, die in dicht bebauten Vierteln entstehen. Erst das Zusammenspiel vom Vorgarten bis zum Auenraum ergibt einen wirksamen Rückhalt in der Fläche. Aus diesem Grund lohnt es sich, bei einer Planung die ganze Kette in den Blick zu nehmen und nicht allein die auffälligste Einzelmaßnahme.
Warum Retention so wichtig ist
Retention wirkt in zwei Richtungen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Stefan Alexander Voigt erklärt beide. Bei Hochwasser kappt Retention die Spitze, weil ein Teil des Wassers zurückgehalten und erst später abgegeben wird. In Trockenzeiten sorgt dieselbe zurückgehaltene Menge dafür, dass Böden und Bäche länger mit Wasser versorgt bleiben.
Der Fachmann aus Neu-Ulm nennt die wichtigsten Wirkungen von Retention:
- Sie senkt Hochwasserspitzen und schützt tiefer gelegene Orte
- Sie füllt die Grundwasservorräte, weil Wasser versickern kann, statt abzufließen
- Sie hält Bäche und Flüsse in Trockenphasen länger stabil
- Sie entlastet die Kanalisation bei Starkregen
Für ihn zeigt sich daran, dass Hochwasser und Trockenheit zwei Seiten derselben Frage sind. Beides hat damit zu tun, wie gut eine Landschaft Wasser halten kann. Wo dieses Halten verloren geht, treten beide Probleme häufiger und stärker auf. Retention wirkt deshalb doppelt, gegen Hochwasser und gegen Trockenheit gleichermaßen.
Was Versiegelung mit Retention macht
Je mehr Flächen bebaut, asphaltiert oder gepflastert werden, desto weniger Wasser kann versickern. Stefan Alexander Voigt sieht darin eine der großen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte. Auf einer versiegelten Fläche läuft Regen fast vollständig und sehr schnell ab. Bei Starkregen trifft dann viel Wasser in kurzer Zeit auf Kanäle und Bäche, die dafür nicht ausgelegt sind. Der Boden darunter bleibt trocken, weil ihn kaum noch Regen erreicht. So kann selbst eine Gegend mit viel Niederschlag unter trockenen Böden leiden, wenn das Wasser nur schnell genug fortgeleitet wird.
Genau hier setzt der Gedanke der Retention an. Der Gewässerökologe plädiert dafür, Flächen zu entsiegeln und dem Wasser wieder Orte zum Versickern zu geben. Schon begrünte Flächen, flache Mulden oder wassergebundene Wege verbessern die Retention spürbar. Stefan Alexander Voigt betont, dass viele kleine Maßnahmen zusammen oft mehr bewirken als ein einzelnes großes Becken. Jeder Vorgarten, jede Baumscheibe und jede unversiegelte Ecke trägt einen Teil bei.
Retention und das Wetter der Zukunft
Starkregen und lange Trockenphasen nehmen in vielen Regionen zu. Stefan Alexander Voigt ordnet das vorsichtig ein. Wie stark sich das langfristig entwickelt, lässt sich seriös nur über lange Messreihen sagen. Sicher ist für ihn aber, dass Retention mit jedem Extrem wichtiger wird. Eine Landschaft, die Wasser halten kann, kommt sowohl mit zu viel als auch mit zu wenig Regen besser zurecht.
Deshalb rät Stefan Alexander Voigt dazu, Retention schon bei der Planung mitzudenken. Ob bei einem Neubaugebiet, einer Straße oder einem Park, überall lässt sich Raum für Wasser vorsehen. Wer das früh berücksichtigt, spart später Aufwand und senkt das Risiko für alle, die weiter flussabwärts leben.
Was Stefan Alexander Voigt an Donau und Iller beobachtet
Auch an großen Flüssen wie der Donau spielt Retention eine Rolle. Stefan Alexander Voigt verweist auf die Auen entlang von Donau und Iller, die seit jeher als natürliche Rückhalteräume wirken. Wo diese Flächen erhalten sind, hat der Fluss bei Hochwasser mehr Platz. Stefan Alexander Voigt kennt Ulm aus seiner Jugend und lebt heute in Neu-Ulm, und er weist darauf hin, dass beide Städte, wie viele andere am Wasser, auf ein Zusammenspiel aus natürlichem und technischem Rückhalt angewiesen sind.
Wer die Region verstehen will, kann laut Stefan Voigt an der Iller gut beobachten, wie Retention aussieht. Die breiten Kiesflächen und Auen nehmen bei hohem Wasser einen Teil der Flut auf und geben sie langsam wieder ab. Dasselbe Prinzip steckt hinter jedem technischen Becken, nur dass die Natur es hier ohne Beton erledigt. Für Stefan Alexander Voigt ist das anschaulicher Unterricht in Sachen Hochwasserschutz, mitten in der Landschaft vor der Haustür.
Wasser braucht Zeit, nicht Eile
Retention bedeutet im Kern, dem Wasser Zeit zu geben, statt es möglichst schnell loszuwerden. Stefan Alexander Voigt hält das für einen Perspektivwechsel, der sich lohnt. Ein Fluss, eine Stadt und eine ganze Region werden widerstandsfähiger, wenn Regen dort bleiben darf, wo er fällt, und von dort langsam weiterwandert. Stefan Alexander Voigt war schon oft in der Region rund um Ulm unterwegs, um genau das zu zeigen. Dafür wirbt er, wenn er Retention erklärt.




